William Towns bei Aston Martin, von der DBS bis zur Lagonda und zum Bulldog: drei Fallstudien, um den Autodidakten zu verstehen, der Newport Pagnell aufmischte.
William Towns ist nicht der Name, der einem sofort einfällt, wenn man von Aston Martin spricht – und genau das macht ihn spannend. In drei Schlüsselprojekten – DBS 1967, Lagonda 1976, Bulldog 1980 – hat William Towns ohne Schule und ohne Dogma eine Gegenstrom‑Zeichenweise durchgesetzt. So brachte dieser Autodidakt die Marke aus Newport Pagnell in die Moderne, indem er sich weigerte, die DB‑Tradition zu imitieren.
Dieses Porträt sucht nicht die Hagiografie. Es stellt drei konkrete Fälle in Perspektive, mit ihren technischen Wetten und schärferen Kanten als üblich. Das Ganze eingebettet in die industriellen Entscheidungen einer Epoche, in der Aston Martin sich neu erfand – oft unter Zwang, mitunter mit Bravour.
Autodidakt in Newport Pagnell: wie William Towns den Posten ohne akademische Ausbildung bekam
Ohne Abschluss im Industriedesign beginnt William Towns zunächst bei Rover und stößt dann Ende der 1960er-Jahre zu Aston Martin. Laut Wikipedia (William Towns) bildete er sich autodidaktisch aus – zwischen Werkstatt und Zeichenbrett, fern der Schulen, die damals die meisten britischen Designer hervorbrachten. In Newport Pagnell war diese Besonderheit kein Hindernis: Sie schuf einen freien Blick.
Sein Einstieg fällt in eine heikle Phase für die Marke: knappe Finanzen, zu bewahrendes DB‑Erbe, Bedarf nach Verjüngung der Linie. Towns erhält früh Verantwortung. Seine Methode ist pragmatisch: vom Lastenheft der Mechanik ausgehen, klare Volumina annehmen, dann mit wenigen gespannten Linien eine unmittelbare Statur für das Coupé schaffen.
Das Ergebnis sucht nicht das einfache Zitat. Im Gegenteil: William Towns bekennt sich zu einem stärker geometrischen Vokabular. Dieser Ansatz, bisweilen als nüchtern empfunden, antizipiert dennoch die 1970er‑Jahre mit ihren Kanten, ohne die Präsenz von Aston Martin zu verleugnen.
Die DBS 1967: eine Karosserie für einen V8, der noch nicht existierte
1967 mit dem Reihensechszylinder der DB6 eingeführt, wurde die DBS von Beginn an für einen Motor gedacht, der noch nicht bereit war. Fahrgestell und Karosserie waren auf den künftigen V8 von Tadek Marek ausgelegt, der erst 1969 verfügbar wurde. Wie Wikipedia (Aston Martin) erinnert, diktierte diese technische Verschiebung für Aston Martin ungewohnte stilistische Entscheidungen.
Tatsächlich antworteten die breite Silhouette, der flachere Bug und der visuell gestreckte Radstand auf diese mechanische Antizipation. Und da ist das mittlerweile berühmte Eingeständnis: Laut Wikipedia (Lagonda 1976) und der Seite zur Aston Martin V8 räumte William Towns ein, dass die „Hinterviertel“ der DBS/V8 von den ersten Ford Mustang entlehnt waren. Der diskrete amerikanische Wink nahm dem sehr britischen Auftritt nichts von seiner Präsenz.
Mit der DBS etabliert Towns eine Haltung: Eleganz ja, aber strukturiert, fast architektonisch. So spannt der Wagen einen roten Faden zwischen dem Erbe von David Brown und der Modernität des V8 – auch wenn letzterer erst nach zwei Jahren in den Motorraum einzog.

Die Lagonda 1976: rechte Winkel im Land der Kurven und das Bord‑„Computer“-Konzept vor der Zeit
1976 wirkt die Lagonda Serie 2 wie eine Landung aus der Zukunft. Karosserie mit rechten Winkeln, endloser Haube, Proportionen einer sehr niedrigen Limousine: Towns treibt hier seine geometrische Sprache auf die Spitze. Laut Wikipedia (Lagonda Serie 2) führte das Armaturenbrett bei einem Serienauto eine digitale LED‑Anzeige ein – ein Novum der Zeit, konzeptionell wie ergonomisch.
Diese technologisch ambitionierte, aber launische Wahl wurde zu seinem ebenso berühmten wie umstrittenen Markenzeichen. Der Wagen verkörpert Towns’ fixe Idee: eine Architektur klarer Volumen mit einer disruptiven Instrumentierung in Dialog zu bringen. Unter dem klassischen V8 erzählt die Lagonda von einer Faszination für die aufkommende Informatik.
Die Limousine, radikal im Land der Kurven, beweist, dass eine viertürige Aston existieren kann, ohne die GT zu kopieren. Man kann darin einen nützlichen Gegenpunkt zur DB‑Geschichte sehen: gleiches Wappen, andere Orthographie. Und einen freundlichen Hinweis an die Zeitgenossen von Gaydon auf die Kraft einfacher Linien, wenn sie kompromisslos durchgezogen werden.
Der Bulldog 1980: ein 700‑PS‑Konzept, das nie in die Serie fand
Höhepunkt – und Sackgasse – dieser Laufbahn: der Bulldog von 1980. Extremes Konzept, Scherentüren, ultraflache Architektur, er erhält einen Biturbo‑V8 mit rund 700 PS. Laut Wikipedia (Aston Martin Bulldog) war eine Spitze von 320 km/h das Ziel, und es entstand nur ein Exemplar.
Wichtiger als das Datenblatt ist hier die Botschaft. Der Bulldog dient als aerodynamischer wie symbolischer Demonstrator: Wenn das Haus will, kann es mit den Furien der Epoche mithalten. Goodwood erinnert zudem an den ikonoklastischen Status dieses britischen „Helden“ des Automobildesigns, der zu wagen wusste, ohne industrielle Abnahmegarantie.
- Motor: V8 Twin‑Turbo (Konzept)
- Ziel: 320 km/h Spitze
- Produktion: 1 Exemplar
Auch wenn die Serie ausblieb, bleibt die Leitidee: Geometrie bis zum Äußersten treiben – im Dienst einer theoretischen Geschwindigkeit. Ein weiterer Beleg für die Konsequenz von William Towns in seinem Formenvokabular.

Das Erbe von Towns: was die Designer in Gaydon aus seinen Brüchen mitnehmen
Was bleibt von William Towns im Zeitalter von Gaydon? Eher eine Methode als ein Stil. Zuerst: von mechanischen und industriellen Zwängen ausgehen, um klare Volumina zu modellieren. Dann: Dissonanz in einem Haus der Tradition akzeptieren, sofern die Ausführung rigoros ist. Schließlich: die Schnittstelle – Instrumente, Grafik – als ebenso strategisches Ausdrucksfeld betrachten wie das Blech.
Diese Grammatik lässt sich im Filigran mancher aktuellen Aston lesen: Klarheit der Linie, Absage an Zierrat, und ein Cockpit, gedacht als System. In diesem Punkt ist das Lagonda‑Vorbild nützlich – auch als Gegenbeispiel, wenn die Technik nicht reif ist. Der Autodidakt erinnert uns: Innovation zählt durch das, was sie löst, nicht durch ihren bloßen Effekt.
Man behält auch einen menschlichen Faden. Towns, der 1993 verstarb (Quelle: Wikipedia, William Towns), verteidigte die Idee, dass eine Aston sehr Aston sein kann, ohne einer DB zu ähneln. Eine Freiheit, die anderen Lesarten der Marke den Weg bereitete – von GTs bis zu eigenständigen Limousinen.
Fazit: was William Towns in drei klaren Kapiteln veränderte
Das beste Porträt von William Towns verdichtet sich in drei Kraftlinien: eine DBS, für einen vorauseilenden V8 konzipiert; eine Lagonda, die Luxus mit großen Winkeln informatiziert; ein Bulldog als Manifest. Zusammen erzählen sie, wie ein Autodidakt Newport Pagnell eine plausible, bisweilen raue, nie laue Zukunft gab.
Wer die Designgeschichte von Aston Martin schreibt, muss William Towns Raum geben: nicht als Stilisten des Bruchs um des Bruchs willen, sondern als Praktiker einer strukturierten Eleganz. Man kann kaum überschätzen, wie sehr der Marke einige ihrer lehrreichsten Wagnisse auf ihn zurückgehen.
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